
Internationale NOVALIS Gesellschaft e.V.
Georg Philipp Friedrich von Hardenberg - Novalis (2. Mai 1772 - 25. März 1801)
Aktuelles von der ING

Zum Mai-Treffen 2026 hielt Prof. Dr. Dirk von Petersdorff (Friedrich-Schiller-Universität Jena) , ING-Mitglied, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, einen Vortrag zum Thema „Die Praxis des Romantisierens bei Novalis und E.T.A. Hoffmann“. Wir danken Herrn von Petersdorff herzlich, dass er den Wortlaut seines Vortrages zur Publikation auf dieser Website zur Verfügung gestellt hat Dirk von Petersdorff Die Praxis des Romantisierens bei Novalis und E.T.A Hoffmann [1] Novalis-Schloss, Mai 2026 Was ist mit dem Begriff des Romantisierens eigentlich gemeint. Novalis hat ihn so bestimmt: „Die Welt muss romantisirt werden. So findet man den urspr[ünglichen] Sinn wieder. Romantisiren ist nichts, als eine qualit[ative] Potenzirung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identificirt. So wie wir selbst eine solche qualit[ative] Potenzenreihe sind. Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnißvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe so romantisire ich es – Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche – dies wird durch diese Verknüpfung logarythmisirt. – Es bekommt einen geläufigen Ausdruck. romantische Philosophie. Lingua romana. Wechselerhöhung und Erniedrigung.“ Diese Aussage ist geeignet, um zentrale Ideen der Romantik zu erfassen: Die Romantik zielt auf Universalität: „Die Welt“ als ganze soll anders angesehen werden. Die Romantik besitzt ihr Fundament in der Realität: Ausgangspunkte sind das „Gemeine“, also das allgemein Geteilte, das Gewöhnliche und Bekannte – hier wird keine Weltflucht betrieben. Die Elemente der Realität werden dann so angesehen und dargestellt, dass sie eine erweiterte Bedeutung erhalten, dass sie zu Zeichen werden, die auf das Unbekannte und Unendliche verweisen. Es existiert also eine zweite Welt, von der wir eine Vorstellung bekommen können, indem wie die erste Welt zeichenhaft verstehen. Diese zweite Welt können wir überhaupt nur auf diesem Weg erfassen. Nur so finden wir einen Zugang zum Mystischen und Unendlichen, indem wir, wie Novalis sagt, ihm einen geläufigen Ausdruck geben, es also in der uns bekannten Wirklichkeit andeutungsweise entdecken und es in der uns bekannten Sprache zu fassen versuchen. Am Schluss dieser Notiz steht die Formel der Wechselerhöhung und Erniedrigung. Die Dinge, die uns umgeben, werden erhöht, und abstrakte Wahrheiten werden erniedrigt, zu uns hinabgezogen. Für dieses Romantisieren gibt es im Werk von Novalis zahlreiche Beispiele. So romantisiert er in den „Hymnen an die Nacht“ die Liebe, indem er die Beziehung zu einem anderen Menschen so versteht, dass darin etwas Göttliches erfahren werde. Bezieht man es auf den konkreten Menschen Friedrich von Hardenberg, dann wird hier die Liebe zu Sophie von Kühn romantisiert. In einer Notiz hat er das Konzept der Hymnen an die Nacht auf die Formel „Christus und Sophie“ gebracht. Sophie deutet auf Christus hin, aber auch, und das ist kühner: Christus wird in der Liebe zu Sophie fühlbar. Die Romantisierung in der Liebe ist vielleicht erwartbar, aber Novalis hat auch politische Ereignisse romantisiert. In der Fragmentsammlung „Glauben und Liebe“ geschieht dies mit dem preußischen Königspaar, Friedrich Wilhelm III. und seiner Frau Luise. Sie sind König und Königin von Preußen, aber gleichzeitig stehen sie für die Idee eines vollkommenen Staates. Sie sind Symbole eines Ideals menschlicher Gemeinschaft, das in der Gegenwart nicht erreicht ist, auf das sich diese Gegenwart aber orientieren soll. Der König und die Königin werden also romantisiert: Dem „Endlichen“, hier dem preußischen Hof, wird der „Schein eines Unendlichen“ gegeben, wie es in der Theorie des Romantisierens hieß. Weil Friedrich Wilhelm III. und Luise solche Symbole sind, soll man an sie „glauben“, wie der Titel sagt. Fragment Nr. 15 dieser Sammlung spricht davon, dass der „mystische Souverän“ ein Symbol benötigt. Diese Wendung kann man übersetzen als: die Idee eines vollkommenen, absoluten Herrschers, der nicht mehr den Bedingungen der Empirie unterliegt; so wie ein Herrscher im besten Fall sein könnte. An eine solche Idee soll der Mensch also nach Novalis Meinung glauben und seinen eigenen Herrscher als vorläufige Form dieser Idee ansehen und ihn deshalb verehren. Sehr schön deutlich wird der Zusammenhang zwischen einem außerweltlichen, jenseitigen Ideal und der politischen Wirklichkeit in Fragment Nr. 42: „Wer den ewigen Frieden jetzt sehn und lieb gewinnen will, der reise nach Berlin und sehe die Königin.“ Natürlich weiß Novalis, dass in Berlin nicht der ewige Friede ausgebrochen ist. Es handelt sich ja um eine religiöse Vorstellung oder um eine philosophische Idee die einen Endzustand der Geschichte, eben einen nicht mehr zerstörbaren Frieden und damit die Überwindung aller Konflikte bezeichnet. Aber man soll Luise als Symbol für diese Vorstellung eines solchen glücklichen Zustandes ansehen. Deshalb romantisiert Novalis sie und gibt dem „Endlichen“ – Luise – einen „Schein des Unendlichen“, bringt sie mit dem Bereich des Absoluten in Verbindung. Novalis hat die Hoffnung, dass ein solches Verständnis von Luise eine förderliche Wirkung hat. Wenn die Bürger des preußischen Staates ihre Königin so ansehen und in dieser Weise an sie glauben, kann dies dem Ausbreiten von Frieden innerhalb der Gesellschaft förderlich sein. Sie glauben an ein Ideal und sind damit immerhin auf dem richtigen Weg zu diesem Ideal: Wer in seiner Königin den Frieden sieht, wird selber ein friedlicher Mensch. Ein anderes, besonders eindrucksvolles und ausgearbeitetes Beispiel der Romantisierung finden sich im Roman „Heinrich von Ofterdingen“. In diesem Roman ist im 5. Kapitel ausführlich vom Bergbau die Rede. Darstellungstechnisch besitzt dieses Kapitel eine gewisse Sonderstellung, denn hier sind die realistischen Elemente stark ausgeprägt. Hier wird konkret bis in Details hinein Außenwelt dargestellt; ein Beispiel bildet die Schilderung der ersten Fahrt des Bergmannes hinab in die Grube, die genau beschrieben wird: „Er fuhr voraus, und schurrte auf dem runden Balken hinunter, indem er sich mit der einen Hand an einem Seil anhielt, das in einem Knoten an einer Seitenstange fortglitschte.“ Wieder erkennt man: Realismus und Romantisierung gehören zusammen. Dieses Kapitel ist aber auch deshalb von Interesse, weil der Autor Friedrich von Hardenberg bekanntermaßen selber im Bergbau tätig war. Er gehört nicht dem in dieser Zeit schon vorhandenen Typ des freien Autors an, sondern hat einen bürgerlichen Beruf ausgeübt: Er studierte zunächst Jura, schloss dieses Studium ab, begann eine Laufbahn in der Verwaltung, bildete sich naturwissenschaftlich fort und war dann als Beamter im Bergbau tätig, was auch praktische Tätigkeiten beinhaltete: So arbeitete er an der Erstellung einer Karte der Kohlevorkommen in Sachsen mit. Wenn man noch einmal an das Romantisieren zurückdenkt: Dort war ja gefordert worden, die eigene Lebenspraxis symbolisch auf einen höheren Sinn zu beziehen, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen zu geben. Wenn es Friedrich von Hardenberg mit diesem Postulat ernst war, dann musste er das natürlich auch in seinem eigenen Leben betreiben, und hier stellt nun das Bergbau-Kapitel eine Probe aufs Exempel dar: Gelingt es dem Roman, dieses Tätigkeitsfeld zu romantisieren, mit Bedeutung zu versehen? Die Romantisierung geschieht in mehrfacher Weise, wenn ein alter Bergmann von seiner Berufstätigkeit berichtet. Er stellt seinen Beruf nämlich nicht einfach als ökonomische Notwendigkeit dar, sondern gibt ihm weitere Bedeutungen. 1. Der Bergbau dient der Erkenntnis der Natur – und eben nicht ihrer Ausbeutung aus wirtschaftlichen Motiven. Der Bergmann entschließt sich zu seinem Beruf, so heißt es, weil er die „geheimnisvolle Herkunft“ von Edelsteinen kennenlernen möchte, die er in seiner Jugend in einer Kirche sieht. Die Arbeit in der Tiefe wird dann wiederholt als „Kunst“ bezeichnet, und damit von einem einfachen Beruf abgesetzt. Der Bergmann hat „Umgang mit den uralten Felsensöhnen der Natur“ heißt es weiter, freut sich über „wunderliche Bildungen“ unter der Erde, interessiert sich für die „Herkunft“ und die „Wohnungen“ der Metalle. Der Bergbau dient also der Erkenntnis der Natur. 2. Der Bergbau dient der Selbsterkenntnis: Der Bergmann hat von vorneherein das Gefühl, dass die unterirdische Natur „ein näheres Verhältniß zu unserm geheimen Daseyn haben“ könnte, dass man hier also hier einem nicht klar ausdrückbaren, einem nicht sagbaren Lebens-Sinn näherkommen könnte; dass man in der Natur Strukturen und Prinzipien erkennt, die auch für das menschliche Leben bestimmend sein könnten. Sehr deutlich wird diese Verbindung der Berufstätigkeit mit der Selbsterkenntnis, wenn der Bergmann erklärt, dass er bei seiner Arbeit den „edelsten Gang meines Herzens erschürft“ habe. Hier wird die Brücke auch metaphorisch geschlagen: Der Bergbau als Fahrt in die Tiefe wird in eine Parallele mit dem Gang in das Innnere des Menschen gesetzt, und weil diese Parallele eines Ganges in das Innere – der Natur und des Menschen – besteht, kann die die Metapher gebildet werden: „den Gang des Herzens erschürfen“ Der Bergbau dient also der Selbsterkenntnis 3. Der Bergbau wird als Schule der Lebenskunst verstanden, lehrt eine pragmatische Moral. Dies wird deutlich, wenn der Bergbau als „Sinnbild des menschlichen Lebens“ bezeichnet wird. Hier lernt man, dass armselige und enge Klüfte oft die größten Schätze enthalten – und soll dies auf Lebenserfahrungen übertragen. Hier lernt man Geduld und Beharrlichkeit, muss sich mit den Launen des Zufalls auseinandersetzen, lernt, von einem einmal anvisierten Ziel nicht durch äußere Einflüsse abzuweichen. Von einer pragmatischen Moral kann man dabei sprechen, weil sich kein moralisches System ergibt, sondern Lebensregeln gesammelt werden, die sich aus Beobachtungen und Erfahrungen der Lebenspraxis ergeben. „Wie das Leben so spielt“ eben, und „was sich bewährt hat“: Solche Regeln werden versammelt. Der Bergbau also als Schule der Lebenskunst. 4. Der Bergbau wird mit Liebe und Sexualität verbunden. Dies ist eine klassische Verbindung, die sich ebenfalls aus der Metaphorik eines Ganges in die Tiefe ergibt. Dabei ist Tiefe psychisch zu verstehen – man lernt einen Menschen bis in die Tiefe kennen - aber auch ganz konkret sexuell. So erzählt der Bergmann von seiner Eheschließung. Sein Schwiegervater habe das junge Paar gesegnet: „Er legte er seine Hände auf uns und segnete uns als Braut und Bräutigam ein, und wenig Wochen darauf führte ich sie als meine Frau auf meine Kammer. Denselben Tag hieb ich in der Frühschicht noch als Lehrhäuer, eben wie die Sonne oben aufging, eine reiche Ader an.“ Es kommt also zu einer deutlichen – und auch ein wenig komischen – Parallelisierung der sexuellen Erfahrung mit dem ‚Anhauen‘, dem Fund einer reichen Ader. Der Bergbau steht in Verbindung mit Liebe und Sexualität. 5. Der Bergbau wird mit der Religion verbunden. Dies geschieht gleich am Anfang des Kapitels, wo der Bergmann als junger Mensch Edelsteine an Bildern und Reliquien in einer Kirche sieht und dadurch sein Interesse für den Beruf geweckt wird. Die religiöse Spur setzt sich dann fort, wenn geschildert wird, wie ein Mönch vor der Einfahrt in die Grube eine Messe liest, und wenn der Bergmann sagt, dass er nie mit mehr Inbrunst gebetet habe, als an diesem Tage. Diese besondere Intensität der religiösen Erfahrung wird ausgeführt, wenn der Bergmann tief in der Grube meditiert: „Wie unzählige Mal habe ich nicht vor Ort gesessen, und bei dem Schein meiner Lampe das schlichte Kruzifix mit der innigsten Andacht betrachtet! da habe ich erst den heiligen Sinn dieses rätselhaften Bildnisses recht gefaßt“. Erst in der Natur und im Rahmen der Berufstätigkeit wird die Wahrheit des Christentums verstanden: „Wechselerhöhung und Erniedrigung“, so hieß es in der Definition des Romantisierens. Diese Verbindung von Natur und christlicher Symbolik findet man in der Romantik an verschiedenen Stellen, auch in der romantischen Malerei, wenn man an Bilder von Caspar David Friedrich wie „Das Kreuz im Gebirge“ denkt. Soweit knapp zur Theorie und Praxis des Romantisierens bei Novalis. Damit komme ich zu unserem zweiten Autor, zu E.T.A Hoffmann. Da Hoffmann hier in der Novalis-Gesellschaft vielleicht etwas weniger bekannt ist, stelle ich ihn kurz vor. Sein Vorname ist Ernst Theodor Amadeus; ursprünglich Ernst Theodor Wilhelm; „Amadeus“ nannte er sich aus Verehrung für Mozart. 1776 in Königsberg geboren, 1822 in Berlin gestorben. Er war nicht nur Erzähler, sondern sah lange Zeit die Musik als sein eigentliches Feld an. War als Komponist, Dirigent und Musikkritiker tätig. Er komponierte zum Beispiel die Oper „Undine“ nach einem Libretto des romantischen Autors Fouqué, immerhin in Berlin uraufgeführt, mit Bühnenbildern von Schinkel. Als Musikkritiker und Theoretiker war er bedeutend, in einer berühmten Charakterisierung von Beethovens 5. Sinfonie entwarf er gleichzeitig ein Konzept von romantischer Musik – manche meinen, hier sei überhaupt das erste Mal romantische Musik begrifflich erfasst worden. Zurück zum Leben: Hoffmann wuchs in einigermaßen zerrütteten Familienverhältnissen auf, der Vater war Alkoholikerin, die Mutter litt an psychischen Problemen. Er wurde von einem Onkel erzogen. 1792 nahm er das Jurastudium auf, was einer Familientradition entsprach. 1795 legte er das erste Examen ab, um nach dem zweiten, dem Referendarexamen an das Berliner Kammergericht zu wechseln. Es gibt dann weitere biographische Stationen, unter anderem in Bamberg, wo er für einige Jahre ganz seinen künstlerischen Interessen folgen konnte. Hier entstehen Bekanntschaften mit Ärzten der Psychiatrie, für die Hoffmann sich interessiert: Psychische Herausforderungen für Individuen und Grenzüberschreitungen sind in vielen Texten ein wichtiges Thema. Schließlich aber kehrt Hoffmann nach Berlin und an das Kammergericht zurück, wo er einen beruflichen Aufstieg erlebt: Er wird mehrfach befördert und in politisch wichtige Kommissionen berufen. Somit verbindet er Berufstätigkeit und künstlerische Arbeit, dazu eine Selbstaussage: „Am Wochentage bin ich Jurist und höchstens etwas Musiker. Sonntags am Tage wird gezeichnet und abends bin ich ein sehr witziger Autor bis spät in die Nacht.“ Daneben hatte er noch Zeit zur Teilnahme am geselligen Leben, wobei auch Trinkgelage eine Rolle spielen. Ein solches wird auch in jenem Roman geschildert, um den es nun gehen soll, im „Goldenen Topf“. Dort wird im 9. Kapitel ein Punschabend so geschildert: „Der Registrator Heerbrand griff in die tiefe Tasche seines Mantels und brachte in drei Reprisen eine Flasche Arrak, Zitronen und Zucker zum Vorschein. Kaum war eine halbe Stunde vergangen, so dampfte ein köstlicher Punsch auf Paulmanns Tische“. Dieser Punsch steigt den Figuren aber zu Kopf, und nur wenig später heißt es in der Erzählung: „Da ergriffen der Student Anselmus und der Registrator Heerbrand die Punschterrine, die Gläser und warfen sie jubelnd und jauchzend an die Stubendecke, dass die Scherben klirrend und klingend umhersprangen“, um dann „wie Besessene“ durcheinander zu schreien und zu brüllen. Hoffmann selber ist ein recht starker Alkoholkonsum nachgesagt worden, er hat aber immer die nötige Besonnenheit zum Schreiben literarischer Werke betont: Im Rausch könne man einen genialen Gedanken haben, die Komposition eines Werkes aber erfordere Nüchternheit. Damit also zum Roman „Der goldene Topf“, der 1814 erschienen ist. Es beginnt so: Der Student Anselmus, der in Dresden lebt, läuft am Himmelfahrtstag in den mit Kuchen und Äpfeln gefüllten Korb einer alten Obsthändlerin, die ihn lauthals verflucht. Als Ausgleich bietet er ihr sein weniges Geld an und kann nun nicht den gesellschaftlichen Vergnügungen nachgehen, wie eigentlich geplant, sondern setzt sich einsam an die Elbe. Er führt hier längere Selbstgespräche, hadert mit seinem Schicksal und hat ein seltsames Erlebnis, denn er wird in seinem Selbstgespräch „durch ein sonderbares Rieseln und Rascheln unterbrochen, das sich dicht neben ihm im Grase erhob, bald aber in die Zweige und Blätter des Holunderbaums hinaufglitt, der sich über seinem Haupte wölbte. Bald war es, als schüttle der Abendwind die Blätter, bald, als kosten Vögelein in den Zweigen, die kleinen Fittige im mutwilligen Hin- und Herflattern rührend. – Da fing es an zu flüstern und zu lispeln, und es war, als ertönten die Blüten wie aufgehangene Kristallglöckchen. Anselmus horchte und horchte. Da wurde, er wußte selbst nicht wie, das Gelispel und Geflüster und Geklingel zu leisen halbverwehten Worten: ‚Zwischendurch – zwischenein – zwischen Zweigen, zwischen schwellenden Blüten, schwingen, schlängeln, schlingen wir uns – Schwesterlein – Schwesterlein, schwinge dich im Schimmer – schnell, schnell herauf – herab – Abendsonne schießt Strahlen, zischelt der Abendwind – raschelt der Tau – Blüten singen – rühren wir Zünglein, singen wir mit Blüten und Zweigen – Sterne bald glänzen – müssen herab zwischendurch, zwischenein schlängeln, schlingen, schwingen wir uns Schwesterlein‘ – So ging es fort in Sinne verwirrender Rede. Der Student Anselmus dachte: »Das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich verständlichen Worten flüstert.« – Aber in dem Augenblick ertönte es über seinem Haupte wie ein Dreiklang heller Kristallglocken; er schaute hinauf und erblickte drei in grünem Gold erglänzende Schlänglein, die sich um die Zweige gewickelt hatten und die Köpfchen der Abendsonne entgegenstreckten. Da flüsterte und lispelte es von neuem in jenen Worten, und die Schlänglein schlüpften und kosten auf und nieder durch die Blätter und Zweige, und wie sie sich so schnell rührten, da war es, als streue der Holunderbusch tausend funkelnde Smaragde durch seine dunklen Blätter. ‚Das ist die Abendsonne, die so in dem Holunderbusch spielt‘, dachte der Student Anselmus, aber da ertönten die Glocken wieder, und Anselmus sah, wie eine Schlange ihr Köpfchen nach ihm herabstreckte. Durch alle Glieder fuhr es ihm wie ein elektrischer Schlag, er erbebte im Innersten – er starrte hinauf, und ein Paar herrliche dunkelblaue Augen blickten ihn an mit unaussprechlicher Sehnsucht, so daß ein nie gekanntes Gefühl der höchsten Seligkeit und des tiefsten Schmerzes seine Brust zersprengen wollte.“ Die Frage, die sich stellt, und die sich auch Anselmus stellt, ist die nach dem Realitäts-Status der Erscheinung der Schlangen. Es würde nahe liegen, hierin eine Einbildung des Helden zu sehen. Er befindet sich in einer besonderen psychischen Situation, ist außerordentlich niedergeschlagen, mit seinem gesamten Leben unzufrieden, also womöglich empfänglich für Wunschbilder. Angeregt könnte diese Einbildung durch Naturphänomene sein, was Anselmus selber auch ausdrücklich erwägt. Der Abendwind wird ins Spiel gebracht, der Schein der Abendsonne, und auch das Wellenspiel der Elbe, denn die Wellen wirken ebenso goldfarben wie die Schlangen. Aber dort, wo der der Protagonist versucht, die Schlangen in dieser Weise zu deuten, muss er es doch dementieren. Er kann die Erscheinung der Schlangen nicht auf eine Täuschung seiner Einbildung zurückführen, und so kann der Leser eben auch nicht diese Erscheinung psychologisieren, sie auf das Innenleben des Helden zurückführen. Der Realitäts-Status bleibt damit unklar: ob die Schlangen existieren oder nicht, kann man nicht in einfacher Weise beantworten. Der Text lehnt jedenfalls eine einfache Psychologisierung ab. Ebenso gibt der Erzähler aber keine Deutung, nach der die Schlangen von irgendeiner höheren Macht geschickt werden. Das Problem erhöht sich nun dadurch, dass der Erzähler nach dieser Erscheinung in die Welt der Normalwahrnehmung und in den Alltag zurückkehrt. So kann der Leser sich auch nicht darauf einrichten, dass dieser Text als ganzer in einer wunderbaren Welt spiele, auf deren Gesetze – dass es dort eben sprechende Schlangen mit schönen Augen gibt – man sich einlassen müsse. Das zweite Kapitel beginnt so: „‚Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste!‘ sagte eine ehrbare Bürgersfrau, die vom Spaziergange mit der Familie heimkehrend, still stand und mit übereinandergeschlagenen Armen dem tollen Treiben des Studenten Anselmus zusah. Der hatte nämlich den Stamm des Holunderbaumes umfaßt und rief unaufhörlich in die Zweige und Blätter hinein: ‚O nur noch einmal blinket und leuchtet, ihr lieblichen goldnen Schlänglein, nur noch einmal laßt eure Glockenstimmchen hören! Nur noch einmal blicket mich an, ihr holdseligen blauen Augen, nur noch einmal, ich muß ja sonst vergehen in Schmerz und heißer Sehnsucht!‘ Und dabei seufzte und ächzte er aus der tiefsten Brust recht kläglich und schüttelte vor Verlangen und Ungeduld den Holunderbaum.“ So wie hier kommt es zu einem ständigen Wechsel zwischen den Realitäten. Es gibt offenbar Parallel-Welten. Von der zweiten Welt, in der schöne Schlangen existieren, wissen die meisten Menschen nichts. In der ersten Realität sorgt das Verhalten von Anselmus für einige Verwunderung und erregt Anstoß, weil seine Mitmenschen diese Erscheinungenen nicht sehen können. Anselmus aber lebt glücklicherweise oder unglücklicherweise in beiden Welten und wechselt zwischen ihnen hin und her, und dies muss der Leser nun nachvollziehen. Ein fröhlicher Abend in der Gesellschaft einiger Freunde vertreibt, so der Fortgang der Handlung, seine Phantasien. Dazu gehören der Konrektor Paulmann, dessen Tochter Veronika, die als mögliche Liebe für Anselmus gilt, und unbedingt Frau Hofrat werden möchte, sowie der Registrator Heerbrand. Aber dann kommt es zur Bekanntschaft mit dem Archivarius Lindhorst, für den Anselmus arabische und koptische Manuskripte kopieren soll, und diese Bekanntschaft führt ihn endgültig in ein Zauberreich voller Wundererscheinungen. Hinter der Fassade des Hauses von Lindhorst verbirgt sich ein in magisch blendendes Licht getauchter Palastgarten mit allerlei Requisiten, unter anderem mit dem titelgebenden goldenen Topf, in dessen strahlendem Gold sich alle möglichen Erscheinungen bewegen. Derartige Eindrücke faszinieren Anselmus und lösen gleichzeitig Angst in ihm aus. Die drei Schlangen, die er an der Elbe gesehen hat, sind, so wird ihm erklärt, Lindhorsts Töchter, in deren jüngste, Serpentina, er sich verliebt hat. Sie sieht er nun in dem Haus von Lindhorst wieder. Lindhorst selber weist ebenfalls einen Doppelcharakter auf, denn er ist einerseits Archivrat und als solcher in der Stadt bekannt. Gleichzeitig ist er aber auch ein Elementargeist, der als Strafe für eine in mythischer Vorzeit begangene Handlung sich in der Gegenwart dem gewöhnlichen Leben unterwerfen muss, bis seine drei Töchter vermählt sind, und zwar mit Jünglingen die wie Anselmus ein kindlich poetisches Gemüt besitzen. Dieser Doppelcharakter der Realität zeigt sich in einem zweiten Textbeispiel. Anselmus geht durch den Garten des Archivarius Lindhorst und erfährt ihn so: „Der Student Anselmus erstaunte aufs neue über die wunderbare Herrlichkeit des Gartens, aber er sah nun deutlich, daß manche seltsame Blüten, die an den dunkeln Büschen hingen, eigentlich in glänzenden Farben prunkende Insekten waren, die mit den Flüglein auf und nieder schlugen und, durcheinander tanzend und wirbelnd, sich mit ihren Saugrüsseln zu liebkosen schienen. Dagegen waren wieder die rosenfarbnen und himmelblauen Vögel duftende Blumen, und der Geruch, den sie verbreiteten, stieg aus ihren Kelchen empor in leisen lieblichen Tönen, die sich mit dem Geplätscher der fernen Brunnen, mit dem Säuseln der hohen Stauden und Bäume zu geheimnisvollen Akkorden einer tiefklagenden Sehnsucht vermischten. Die Spottvögel, die ihn das erstemal so geneckt und gehöhnt, flatterten ihm wieder um den Kopf und schrieen mit ihren feinen Stimmchen unaufhörlich: ‚Herr Studiosus, Herr Studiosus, eilen Sie nicht so – kucken Sie nicht so in die Wolken – Sie könnten auf die Nase fallen. – He, he! Herr Studiosus – nehmen Sie den Pudermantel um – Gevatter Schuhu soll Ihnen den Toupet frisieren.‘ – So ging es fort in allerlei dummem Geschwätz, bis Anselmus den Garten verlassen.“ An einem der folgenden Tage geht er wieder durch diesen Garten, und diesmal heißt es: „Als er nun mittags durch den Garten des Archivarius Lindhorst ging, konnte er sich nicht genug wundern, wie ihm das alles sonst so seltsam und wundervoll habe vorkommen können. Er sah nichts als gewöhnliche Scherbenpflanzen, allerlei Geranien, Myrtenstöcke u. dergl. Statt der glänzenden bunten Vögel, die ihn sonst geneckt, flatterten nur einige Sperlinge hin und her, die ein unverständliches unangenehmes Geschrei erhoben, als sie den Anselmus gewahr wurden. Das blaue Zimmer kam ihm auch ganz anders vor, und er begriff nicht, wie ihm das grelle Blau und die unnatürlichen goldnen Stämme der Palmbäume mit den unförmlichen blinkenden Blättern nur einen Augenblick hatten gefallen können.“ In beiden Abschnitten wird derselbe Ort geschildert. Anselmus befindet sich aber in der zweiten Szene in einer nüchtern-prosaischen Stimmung und glaubt, dass die wunderbaren Erscheinungen nur auf Täuschung und Einbildung beruhten, dass er die bürgerliche Veronika heiraten und mit ihr ein normales Leben führen solle. Entscheidend ist, so sagen es diese Textpassagen, wie ein Mensch die Realität betrachtet, wie er die Dinge ansieht und ob er die höheren Potentiale in ihnen erkennen kann. Realität verändert sich mit der Wahrnehmung des Menschen, und das Außergewöhnliche entsteht durch besondere Fähigkeiten der Wahrnehmung, und für die, die es sehen, ist es zweifellos vorhanden. Im Laufe der Handlung greift ein feindliches Prinzip ein, bei dem es sich, wie deutlich wird, um die alte Obstfrau handelt, in deren Korb Anselmus am Anfang hineingelaufen ist. Diese alte Apfelfrau entstammt der mythischen Verbindung einer Runkelrübe mit der Feder eines Drachens – jüngere Leser würden hier an „Harry Potter“ denken – und setzt alles daran, Anselmus wieder aus dem Reich der Phantasie heraus zu ziehen. Dabei spielt ein Metallspiegel eine Rolle, den sie in einer schauderhaften Nachsitzung gegossen hat – da spielt der Text mit frühen Formen des Grusel- und Horror-Repertoires und mit wilden optischen und akustischen Erscheinungen. Immerhin gelingt es der Hexe, Anselmus zu verunsichern. Er vergisst sein besonderes poetisches Gemüt, jene Erkenntnis-Anteile, die jeder Mensch ursprünglich besitzt, die aber bei den meisten Menschen auf der Lebensstrecke verlorengehen. Dadurch begeht er beim Kopieren von Manuskripten, bei dem ihm sonst wunderbare Kräfte geholfen haben, einen Fehler und wird von dem Archivarius in eine Kristallflasche verbannt, die auf einer Elbbrücke steht. Auch an dieser Stelle kann man wieder sehr schön sehen, wie der Text mit dem Nebeneinander zweier Welten operiert. Wieder kann man den Text in doppelter Form lesen: Einmal kann man das Bild der in Flaschen eingesperrten Menschen als real ansehen, den Text wie ein Märchen lesen, in dem so etwas ja vorkommen kann. Ebenso kann man darin ein Bild für die Enge eines den gesellschaftlichen Funktions-Mechanismen folgenden Lebens verstehen. Anselmus, so kann man sagen, erkennt diese erstickende Enge, während andere Menschen, die ebenfalls gefangen sind, nämlich in ihrer Konzentration auf Geld und Vergnügungen, diese Gefangenschaft gar nicht bemerken. In Wirklichkeit könnte man dann sagen, ist Anselmus gar nicht in eine Flasche eingesperrt, sondern steht auf einer Elbbrücke, sieht ins Wasser, dessen spiegelnder Glanz ihn offenbar an Glas denken lässt und fühlt sich gefangen. Im Anschluss kommt es zu einer abschließenden Schlacht, zum großen Showdown zwischen Lindhorst und dem bösen Prinzip, welches unterliegt. Anselmus wird am glücklichen Ende mit Serpentina auf die fantastische Insel Atlantis versetzt, wo er ein Gut erhält und in einer idealen Welt leben darf. Hier offenbart sich ihm „der heilige Einklang aller Wesen als das tiefste Geheimnis der Natur“, wie der Schluss-Satz des Textes lautet. Es könnte aber auch sein, dass das Gut einfach vor den Toren Dresdens liegt und dass die glückliche Ehe, die Anselmus führt, ihn an die fantastische Insel Atlantis denken lässt. Zum Verständnis dieses Romans kann man auch theoretische Äußerungen Hoffmanns heranziehen, in denen er erläutert, dass er Verbindung von präziser Realität und höherer Welt anstrebe. So spricht er davon, dass alltäglichen Menschen „tolle Zauberkappen“ übergeworfen werden soll, oder dass eine Himmelsleiter aus der wirklichen Welt so unmerklich in das fantastische Zauberreich hinüberführen soll, dass es nur als der schönere Teil des Lebens erscheine. Auf der einen Seite steht also ein starker Realismus, die Wirklichkeit Dresdens um 1815 – aber da hindurch geht der Blick in die Tiefe, erkennt das Wunderbare, das überall in der Realität zu finden ist. Es gibt eine Duplizität des Seins. Wie verhält sich E. T. A. Hoffmann damit zu seinen Vorläufern, welchen Weg schlägt die Romantik hier ein, und welche Beziehungen gibt es zur früheren Romantik von Novalis? Der zitierte Schluss-Satz des Romans vom Einklang aller Wesen, erinnert an Novalis; weitere Elemente wie ein integriertes Märchen, das ich jetzt nicht vorgestellt habe, erinnern ebenfalls an Novalis, genauer gesagt an den „Heinrich von Ofterdingen“, und überhaupt ist eine Nähe von Hoffmann und Novalis immer wieder behauptet worden, obwohl wir nicht wissen, welche Texte von Novalis Hoffmann kannte. Es gibt aber auch einen erheblichen Unterschied: Denn bei Novalis existierte ja noch die Hoffnung, dass die Wirklichkeit sich als ganze romantisieren ließe. Die bestehende Gesellschaft sollte verändert werden, die Politik romantisch verstanden werden, wie das Beispiel „Glauben und Liebe“ zeigte, die Arbeitspraxis eine höhere Bedeutung erhalten, wie das 5. Kapitel des „Heinrich von Ofterdingen“ vorführte, und wenn man andere Texte von Novalis und seinen frühromantischen Freunden hinzuziehen würde, dann ließe sich zeigen, dass auch eine neue Wissenschaft von der Natur entstehen sollte und dass die Menschen in Zukunft eine freie romantische Religion praktizieren könnten. Diesem utopischen Anfang gegenüber sind die Hoffnungen im „Goldenen Topf“ zurückgenommen: Dresden wird so bleiben, wie es ist, die Freunde von Anselmus werden ihr Leben nicht verändern, und von einer möglichen Neuorganisation der Gesellschaft ist gar nicht mehr die Rede. Wissenschaft und Religion sind weit zurückgetreten. Bei Hoffmann gibt es nur noch einzelne Menschen, die mit ihrer Phantasie als kreativem Organ eine Schicht der Wirklichkeit erschließen können, die sich der Erkenntnis durch den funktionalisierten Verstand verschließt und sich nicht begrifflich fassen lässt. Sie können in einen höheren Zustand geraten, wissen um eine ursprüngliche Einheit der Dinge und betrachten die Bestandteile der Realität als Symbole. Aus diesem höheren Bewusstsein einzelner Menschen wird aber keine ins Gesellschaftliche übersetzbare Utopie mehr. Die Wirklichkeit ist für Hoffmann nicht mehr als ganze zu romantisieren, sondern nur gelegentlich in der Phantasie zu überwinden. Nur noch in der Erkenntnis existiert bei Hoffmann die andere Welt, nicht mehr in der Realität. Gelegentlich muss beim Übertritt in die wahre poetische Welt auch noch nachgeholfen werden, wie die am Anfang zitierte Punsch-Orgie zeigte. Nur durch Alkohol-Genuss wird das höhere Bewusstsein erreicht, öffnet sich die zweite Wirklichkeit. Wenn das Goldene Zeitalter nur noch unter Punsch-Einfluss auftritt, liegt darin ebenfalls eine gewaltige Relativierung frühromantischer Hoffnungen. In anderen Texten Hoffmanns wird das Wissen um diese zweite Welt für die Figuren zur Gefahr, die in Wahnsinn und Selbstmord führen kann. In Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ schlägt die Romantisierung ins Psychopathische um, wird die höhere Welt zur Wahnwelt. „Der goldene Topf“ geht mit der Duplizität zweier Welten heiter um; diese Duplizität kann aber auch als Schizophrenie auftreten. Davon war sie bei Novalis noch weit entfernt. Seine Romantisierung war ein hoffnungsvolles und helles Projekt – auch wenn in den „Hymnen in die Nacht“ die Romantisierung in den Todesbereich hinüberführt und speziell in der zweiten Hymne auch von einer drogeninduzierten Romantisierung die Rede ist. [1] Die Form des Vortrags wurde für diese Veröffentlichung im Rahmen der Novalis-Gesellschaft beibehalten. Daher werden auch Zitate nicht einzeln belegt. Zur weiterführenden Lektüre verweise ich auf mein Buch: Romantik. Eine Einführung. Frankfurt am Main: Klostermann, Rote Reihe, 2020. Dort finden sich auch Nachweise zu einigen hier herangezogenen Textstellen.

Romantik im Netzwerk der Demokratie 17.–19. September 2026 Tagung der Internationalen Novalis-Gesellschaft e.V., in Kooperation mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung e.V. Unterstützt durch die Novalis-Stiftung „Wege wagen mit Novalis“ und der Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e.V. Tagungsort: Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, 06108 Halle (Saale), Jägerberg 1 Die Tagung wird, an die Bedeutung der Diskursfähigkeit in der Romantik erinnern. Wir wollen uns den Formen der Kommunikation der Romantik nähern, sie als wichtigen Teil des kulturellen Gedächtnisses begreifen, um dann – wie Novalis es fordert – im Diskurs zu erarbeiten, was sich daraus für unsere Gegenwart und Zukunft ergibt. Es geht nicht nur um das Speichern von Erinnerungen, sondern um lebendige Kommunikation und ihre Formen. Foto: Außenansicht der Leopoldina © Fotograf Markus Scholz, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina

Drei ereignisreiche Tage im und um das Novalis-Schloss Oberwiederstedt liegen hinter uns. Allen, die teilgenommen haben, gilt unser herzlicher Dank für das Interesse und den regen Gedankenaustausch, der das Treffen prägte. Die Kulturtage wurden mit ihren vielgestaltigen inhaltlichen Höhepunkten zu einem nachdrücklichen und nachwirkenden Erlebnis für alle, die dabei waren. So breit wie das Leben, das Denken, das Dichten, das Tätigwerden Friedrich von Hardenbergs angelegt war, so facettenreich sollten an diesem Mai-Wochenende auch die Angebote im und um das Novalis-Schloss sein. Lesungen und Vorträge, Chormusik, Bergbauwanderung, Fahrt zum Novalis-Ritt nach Grüningen, „Knobeln im Schloss-Park mit Fritz“ – gerade in der Vielfalt der Veranstaltungen des Mai-Treffens lag das besondere Anliegen dieses Zusammenkommens aus Anlass des 254. Novalis-Geburtstages. Hier ein paar Schlaglichter: Mathematik und Freude gehören zusammen! Von der Gültigkeit dieser Sentenz Novalis‘ konnten sich die Besucherinnen und Besucher des Hardenberg-Parks am 2. Mai überzeugen (und auch gleich das Faltpuzzle mitnehmen). Am Nachmittag des Novalis-Geburtstages begannen wir das Mai-Treffen mit einem Mathe-Fest im Novalis-Park, vorbereitet und durchgeführt von Studierenden der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Auf Entdeckung mit Fritz“ waren Kinder und Erwachsene mit Feuereifer beim Knobeln, Experimentieren und erkundendem Spielen dabei. Dem Trägerverein herzlichen Dank für die Hilfe beim Zuckerwatte-Stand! Eine Besonderheit, die zum Mai-Treffen erstmalig vorgestellt wurde, war das Sonnenuhr-T-Shirt zur vertikalen Sonnenuhr aus dem Jahr 1741, die erst vor wenigen Wochen an einem Pfeiler des Kornspeichers durch Mitglieder des Trägervereins Novalis-Taufkirche e.V. entdeckt wurde. Auch dies ein beeindruckender Verbindungspunkt zwischen dem Hardenbergschen Gutshof und (angewandter) Mathematik – ganz im naturwissenschaftlichen Verständnis Novalis‘. Alle waren eingeladen zu entdecken, was es mit dieser Sonnenuhr auf sich hat! Der Reinerlös aus dem Verkauf des T-Shirts wird für die Restaurierung der desolaten Original-Sonnenuhr verwendet. Wer hielte ohne Freund im Himmel Wer hielte da auf Erden aus? … Mit ihm bin ich erst Mensch geworden; das Schicksal wird verklärt durch ihn… Aus dem 1. Geistlichen Lied Im Novalis-Schloss selbst starteten wir, wie gute Tradition der Mai-Treffen, mit gemeinsamem Lesen aus den „Geistlichen Liedern“ von Novalis, im Wechsel mit Blüthenstaub-Fragmenten, vorbereitet und geleitet durch unser ING-Mitglied Charlotte Heinrich. Es schloss sich im Festsaal des Schlosses eine Lesung unseres ING-Mitgliedes, des Schriftstellers Wilhelm Bartsch, an: Licht der Erde – Salz des Himmels – Gedichte zu Novalis. Umrahmt wurde dies durch Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert und Robert Schumann mit der Konzertpianistin Tatjana Seupt-Koljunova (Halle) am Flügel. Nach einem gemeinsamen Abend in den Gewölben des Schlosskellers und auf der Gartenterrasse wurde der 3. Mai mit einem Chorkonzert in der Novalis-Taufkirche stimmungsvoll eingeleitet. Es erklangen Frühlingslieder mit dem Frauenchor Hettstedt, dem Männer-Gesangsvereins Heiligenthal und dem Männerchor Wiederstedt unter Leitung ihrer Chorleiterin Heidemarie Modde. Ebenfalls zur Tradition geworden, schloss sich die Kranzniederlegung am Grab von Novalis’ Mutter aus Anlass des 225.Todestages von Friedrich von Hardenberg an, in diesem Jahr einfühlsam begleitet durch die Lesung von Novalis-Gedichten durch die Sprechwissen-schaftlerin, Regisseurin und Dozentin an der Universität Halle-Wittenberg Dr. Martina Haase. Zu einem ganz besonderen Höhepunkt gestaltete sich der Vortrag unseres ING-Mitgliedes, des Romantikforschers und Autors Dirk von Petersdorff von der Friedrich-Schiller-Universität Jena: Die Praxis des Romantisierens bei Novalis und E.T.A. Hoffmann. Die sich anschließende intensive Diskussion gestaltete sich zu einem besonderen Höhepunkt des geistigen Austausches zu literaturwissenschaftlichen Fragen der Romantikforschung zu Novalis im Vergleich zu E.T.A. Hoffmann. Wer würde es aber vermuthet haben, daß dieser junge Mann … die gemeinsamen Geschäfte des Praktikers mit eben dem Fleiße bearbeitete, als diejenigen, die ganz eigens für seinen Geist berechnet waren? (Kreisamtmann August Coelestin Just aus Tennstedt über Friedrich von Hardenberg, in: Nekrolog der Teutschen für das neunzehnte Jahrhundert, hrsg. von Fr. Schlichtegroll. Bd. 4, Gotha 1805, S. 188.) Ein weiteres Erlebnis, das die Umgebung des Schlosses und die Tätigkeit Novalis‘als Geologen und Bergbeamter in den Mittelpunkt stellte, war die Bergbauwanderung um Oberwiederstedt mit Frank Morcinietz vom Trägerverein. Der Vortrag unseres Mitgliedes, des Literaturwissen-schaftlers und Lyrikers Jan Volker Röhnert (Braunschweig) zum Thema „Über Brachen schreiben –Wilde Ruderalflächen und Nature Writing“ rundete das Programm im Novalis-Schloss am Abend des 3. Mais ab, noch einmal die Vielgestaltigkeit der Verantwortung betonend, der sich die ING im Sinne und Geiste Novalis‘ in den aktuellen schwierigen Zeiten weltweit stellt. Jetzt erfasste er es als seine Aufgabe, in beiden Welten [der gegenwärtigen Welt und der Welt des Denkens, des Fühlens, des Staunens und des Erkennens] zu leben und … als Ziel seiner dichterischen und philosophischen Arbeit anzusehen. Auszug aus: Hans Joachim Mähl, "Novalis", in: Neue Deutsche Biographie 7(1966), S. 652 Dies schrieb der Gründungspräsident und erste Vorsitzende der ING Hans Joachim Mähl über die innige Verbindung, den geistigen Austausch mit Sophie von Kühn, die Novalis in den Jahren 1794–1797, dem Tod seiner Verlobten, prägten. Der Ort dieses intensiven entscheidenden Austausches mit Sophie war das Gutshaus Grüningen, heute Ort der Novalis-Diakonie. In diesem Jahr kamen wir der freundlichen Einladung der Leiterin der Diakonie Frau Knoch und des Geschäftsführers C. Schlegelmilch sehr gerne nach, mit den Heimbewohnerinnen und -bewohnern, den Kindergartenkindern des Schlosses und allen weiteren Gästen den traditionsreichen Einritt der Novalis-Reiter aus Anlass des Novalis-Geburtstages in den Grüninger Schlosspark mitzuerleben, der an die Ritte Friedrich von Hardenbergs aus Tennstedt zu Sophie in Grüningen erinnern soll. Dem sich anschließenden Fest, das wir miterleben durften, folgte eine Führung durch die St.-Petri-Kirche Grüningen mit dem angrenzenden Friedhof, auf dem Sophie von Kühn ihre letzte Ruhe fand. Eine Gedenktafel an der Kirchmauer erinnert daran. Hier führte und erläuterte unser Mitglied Michael Pechmann. Wir danken der Novalis-Diakonie Grüningen und Herrn Pechmann sehr herzlich, dass sie uns die Möglichkeit eröffnet haben, im Rahmen unseres Mai-Treffens den Novalis-Ritt miterleben zu dürfen. Dieser Rückblick auf die Mai-Tage 2026 wäre unvollständig, wollten wir nicht auch an unser Gedenken an Probst i.R. Joachim Daniel Jäger (1935–2026) erinnern. Am 24. April dieses Jahres verstarb unser Mitglied Probst i.R. Jäger. Er war Gründungsmitglied der ING und ihr erster Vizepräsident, weit über ein Jahrzehnt. Seinem für ihn so selbstverständlichen Einsatz für Novalis ist es entscheidend mitzuverdanken, dass in den schweren Tagen und schwierigen Verhältnissen der 1980-er und 1990-er Jahre das Novalis-Schloss in Oberwiederstedt gerettet, dem Wiederaufbau zugeführt und es zu einem lebendigen Zentrum der Novalis-Forschung und -Pflege werden konnte, deren ideelle Begleitung ihm stets, auch nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Präsidiumsarbeit für die Novalis-Gesellschaft, wichtig war. Als Vertreter der Novalis-Gesellschaft hat er sich im Trägerverein „Novalis-Taufkirche“ für den Erhalt der Klosterkirche in Oberwiederstedt eingesetzt und so wesentlich dazu beigetragen, dass die leerstehende und 1976 entwidmete Kirche restauriert und 2022 wieder in Dienst gestellt werden konnte. Wir gedenken seiner in Dankbarkeit. Die Mai-Tage aus Anlass des Novalis-Geburtstages bieten die Möglichkeit des gemeinsamen Erlebens, des gemeinsamen Austausches am historischen Ort für alle ING-Mitglieder und für alle Novalis-Freunde, die zu uns gekommen sind. Es ist wie ein Nach-Hause-Kommen zu Novalis! Auch in diesem Jahr ging dieser Gedanke von Mund zu Mund und es war deutlich zu spüren, wie die Mai-Tage vom Geist Novalis‘ geprägt waren. Allen, die dazu beigetragen haben, gilt unser herzlicher Dank! Wir danken allen Mitwirkenden und Teilnehmenden der Mai-Tage 2026 und insbesondere auch der Forschungsstätte für Frühromantik und dem Novalis-Museum Schloss Oberwiederstedt mit ihrem Direktor Dr. S. Schmidt und seinem Team sowie der Novalis-Stiftung „Wege wagen mit Novalis“, dem Trägerverein Klosterkirche Wiederstedt (Novalis-Taufkirche) e.V. und der Novalis-Diakonie Grüningen für die freundliche Unterstützung, die diese Tage überhaupt erst möglich gemacht haben. Karin Richter Constanze Keutler Jörg Kowalski Halle (Saale) und Hohenpeißenberg, im Mai 2026

So breit wie das Leben, das Denken, das Dichten des Friedrich von Hardenberg angelegt war, so unterschiedlich und vielfältig sollen an diesem Mai-Wochenende auch die kulturellen Angebote im und um das Novalis-Schloss sein, zu denen wir Sie herzlich einladen. Lesungen und Vorträge, Chormusik, Bergbauwanderung, Fahrt zum Novalis-Ritt nach Grüningen, "Knobeln im Schloss-Park mit Fritz": Vom 2. bis 4. Mai 2026 erwarten Sie drei Kulturtage im Novalis-Schloss Oberwiederstedt. Anlass sind der 254. Geburtstag (* 2. Mai 1772) und der 225. Todestag († 25. März 1801) des Friedrich von Hardenberg.

Novalis- und Blütenstaub-Preis 2027 Die Ausschreibung der Internationale Novalis-Gesellschaft und der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Jenaer Zentrum für Romantikforschung) für den Novalis-Preis 2027 für innovative Forschungen (Dissertationen und Habilitationen) zum Themenfeld der europäischen Romantik und für den Blütenstaub-Preis 2027 zur Förderung kreativer Auseinandersetzungen mit der europäischen Romantik durch Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und Studierende ist erfolgt. Nun sind junge Forscherinnen und Forscher auf dem Wissenschaftsgebiet der europäischen Romantik und Schülerinnen und Schüler sowie Studierende, die sich mit der europäischen Romantik näher auseinandersetzen und beschäftigen möchten, eingeladen, sich mit ihren Arbeiten zu diesem Thema zu bewerben. Für die Einzelheiten zur Bewerbung informieren Sie sich bitte auf unserer Seite Novalis- und Blütenstaub-Preis Bitte beachten Sie, dass der Bewerbungszeitraum für die Preisvergabe 2027 am 30. September 2026 endet. Sollten Sie Nachfragen haben, wenden Sie sich gerne an Internationale Novalis-Gesellschaft e. V. Prof. Dr. Anne Bohnenkamp-Renken E-Mail: abohnenkamp@freies-deutsches-hochstift.de oder Zentrum für Romantikforschung der Friedrich-Schiller-Universität Jena Dr. Helmut Hühn E-Mail: romantikforschung@uni-jena.de Wir freuen uns auf Ihre Bewerbungen!

Geboren im Mansfelder Land: Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis Vor 225 Jahren starb Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis. Heute ist er weltberühmt. Dabei hat er Mitteldeutschland kaum je verlassen. Zwischen Saale und Elbe, Erzgebirge und Thüringer Wald hat er sich bewegt. MDR KULTUR - Das Radio Di 24.03.2026 20:00Uhr 54:57 min "Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, kennt man auf der ganzen Welt. Und nicht mehr nur deshalb, weil er einst in seinem Fragment gebliebenen Roman dem jungen Minnesänger Heinrich von Ofterdingen eine blaue Blume im Traum hatte erscheinen lassen. Heute kann man – unter anderem mit der seit 1960 erscheinenden Historisch-kritischen Novalis-Ausgabe – nachvollziehen, welch breites Wissen und komplexes Denken sich in der Person Hardenbergs verband. Neben der Poesie, neben den Märchen und Gedichten, besteht sein Werk auch aus philosophischen Überlegungen, ästhetischen Schriften sowie Ausführungen zum Bergbau und den damit verbundenen Wissenschaften. Geboren wurde Friedrich von Hardenberg 1772 in der Mitte Deutschlands: auf Schloß Oberwiederstedt im Mansfelder Land. Gestorben ist er am 25.03.1801 in Weißenfels – vor 225 Jahren. Daß man auch heute noch sein Geburtshaus und die Taufkirche besichtigen kann, verdankt sich einer beharrlichen Rettungsaktion zu DDR-Zeiten. Unter anderem diesem bürgerschaftlichen Engagement und dessen Folgen, zum Beispiel die Gründung der Internationalen Novalis-Gesellschaft, geht diese MDR KULTUR Werkstatt nach. Produktion: MDR 2022 Verfügbar bis 24. März 2027"

Außerordentliche Menschen müssen außerordentliche Schicksale haben; ohnstreitig gehörst Du zu den Ersteren, also müssen die letzteren Deine Begleiter sein. Erasmus an seinen Bruder Friedrich am 28. November 1794 (HKA, Bd. 4, Abt. III, Nr. 16.) Am 25. März jährt sich Novalis Todestag zum 225. Male. Dieser besondere Tag ist Anlass, zurückzuschauen und auch und gerade heute seine Gedanken in die Zukunft zu tragen und weiterzudenken. Dichtung der Frühromantik, Philosophie, Natur- und Geisteswissenschaften, Bildung, Kunst, Kultur, demokratisches Wirksamwerden – das Spektrum des Denkens, der Tätigkeiten und des Nachwirkens Friedrich von Hardenbergs spannt einen Bogen auf, der wie vor 200 Jahren auch heute noch essentiell berührt und anregt. Freiheit und Verantwortung des Denkens und Handelns sind Aufträge, die uns von Novalis überkommen sind und die es mit Leben zu erfüllen gilt. In seinem Geburtsort, in seiner Heimatregion und darüber hinaus sind es viele Partner, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, im literarischen und wissenschaftlichen Austausch den Auftrag Novalis‘ anzunehmen. „Wege wagen mit Novalis“ – dieser Leitspruch der Novalis-Stiftung, am 25. März 2001 gegründet, fasst auf prägnante Weise die Aufgabe zusammen, der es sich zu stellen gilt. Wir gratulieren der Novalis-Stiftung aus Anlass ihres Jubiläums mit den besten Wünschen für eine Fortsetzung ihrer so bedeutsamen und weit über den Geburtstort Novalis‘ hinauswirkenden Tätigkeit!

Jan Röhnert, Mitglied der Internationalen Novalisgesellschaft e.V., erhält am 9. Mai 2026 im Literaturhaus Schleswig-Holstein in Kiel den Wilhelm-Lehmann-Preis 2026 verliehen für herausragende essayistische Prosa im Bereich des Nature Writing. Foto: Mirette Bakir-Röhnert Pressemitteilung der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft e.V. Eckernförde 7. Januar 2026 Jan Röhnert erhält den Wilhelm-Lehmann-Preis 2026 Mit dem Wilhelm-Lehmann-Literaturpreis der Stadt Eckernförde wird in diesem Jahr der Lyriker, Essayist und Literaturwissenschaftler Jan Röhnert ausgezeichnet. Die Jury begründet ihre Entscheidung: Der Wilhelm-Lehmann-Preis wird 2026 für herausragende essayistische Prosa im Bereich des Nature Writing verliehen. Preisträger ist der 1976 in Gera geborene und heute in Leipzig lebende Lyriker, Essayist und Prosaautor Jan Röhnert. Seit mehr als 20 Jahren veröffentlicht er Gedichtbände (zuletzt „Erdtagzeit“, 2023), Essays, Literaturkritik und wissenschaftliche Prosa. Seit einigen Jahren widmet er sich intensiv dem Genre des Nature Writing. In seinen präzisen, essayistischen Betrachtungen von Natur reflektiert Jan Röhnert, der in Braunschweig Literaturwissenschaft lehrt, auch Aspekte einer Poetik des Nature Writing. Dabei verbindet er die literaturwissenschaftliche Perspektive auf die Definitionsversuche und Erscheinungsformen des neuen Naturschreibens mit der Autorperspektive des Naturschreibers/Nature Writers. Wie sehr diese Schreibform für ihn eine Schreibhaltung geworden ist und beide ineinandergreifen, zeigt sich in dem 2025 im Arco Verlag Wuppertal erschienenen Band „Wildnisarbeit“. Darin werden – der Untertitel „Schreiben, Tun und Nature Writing“ deutet es an – literarische und ökologische Aspekte miteinander verbunden. Theorie und Praxis des Schreibens über Natur gehen für Röhnert notwendig und selbstverständlich einher mit dem praktischen Tun der Landschaftspflege: sei es der eigene Garten, ein Steinbruch, die von der Natur zurückeroberten Industriebrachen Leipzigs oder der Erhalt einer uralten Natur- und Kulturlandschaft der Elbtalaue bei Höhbeck. Dieses Tun schließt ausdrücklich politischen Aktivismus ein. Die Jury überzeugte vor allem, dass der begründete Aktivismus Röhnerts nicht mit einem Verlust an literarischem Formwillen und -vermögen einhergeht, diesen vielmehr voraussetzt. Der ästhetische Zugang und die Formwerdung in der Sprache des Nature Writing gehen dem politischen Engagement voraus. Seine Texte sind poetische Literatur, nicht Pamphlet. Bereits in „Gehen im Karst“ (2021) hatte Jan Röhnert seine Erlebens- und Schreibform gefunden, Landschaften als Texte zu lesen. Geologie und Historie verbindet er mit subjektivem Erleben und Erinnerung, literarischem Anspruch und ökologisch-ethischer Reflexion. „Wildnisarbeit“ ist ein Hybrid aus Selbsterkundung, Naturbetrachtung, literarischen Zitaten und Beobachtungen. Eigene Gedichte und Fotografien ergeben in Verbindung mit den auch sprachlich in jeder Hinsicht überzeugenden Texten einen ganz eigenen Kosmos. Hervorzuheben ist, dass dabei das Konzept „Wildnis“ in einer modern-sachlichen und zugleich emphatischen, aber dezidiert nicht-romantischen Art neu entworfen wird. Anhand weit gespannter unterschiedlicher literarischer und philosophischer Vorgänger- und Beispieltexte legt Jan Röhnert zugleich die Schnittstellen von Wissenschaft und Poesie frei – in essayistischer Form, für die das persönliche Beteiligtsein am Gegenstand wesentlich ist. Der mit 7.500 Euro dotierte Preis wird am 9. Mai 2026 im Literaturhaus Schleswig-Holstein in Kiel verliehen. Die Laudatio hält die Schriftstellerin Katja Lange-Müller, Thomas-Mann-Preisträgerin 2025. Der Namensgeber des Preises, Wilhelm Lehmann (1882-1968), ist als Erzähler, Lyriker und Essayist hervorgetreten. 1923 für seine frühen Erzählungen und Romane mit dem Kleistpreis ausgezeichnet, wurde er in den späten 1920er bis in die frühen 1960er Jahre zu einem bedeutenden, schulbildenden Lyriker und mit den ab 1927 entstandenen poetischen Naturbeobachtungen „Bukolisches Tagebuch“ zu einem Vorläufer, ja schon Klassiker des deutschsprachigen Nature Writing. Bemerkenswert und anregend sind auch seine in zwei Bänden gesammelten Essays, in denen er u.a. eine eigene Poetologie des Gedichts entwirft. Der Jury gehörten an: die Literaturwissenschaftlerin Sonja Klimek (Kiel), der ehemalige Leiter des Literaturhauses Schleswig-Holstein Wolfgang Sandfuchs (Kiel), der Literaturkritiker Christoph Schröder (Frankfurt a.M.), der Schriftsteller und Lehmann-Preisträger Stephan Wackwitz (Berlin) sowie die Vorstandsmitglieder der Wilhelm-Lehmann Gesellschaft Beate Kennedy (Windeby) und Wolfgang Menzel (Karlsruhe). Preisträger der vergangenen Jahre waren Jürgen Nendza (2023), Nora Bossong (2020), Ulrike Almut Sandig (2018), Stephan Wackwitz (2016), Ann Cotten (2014), Nico Bleutge (2011) und Jan Wagner (2009). www.wilhelm-lehmann-gesellschaft.de www.instagram.com/wilhelm_lehmann_gesellschaft Rückfragen an: Dr. Beate Kennedy Beate.Kennedy@me.com Tel. 0175 111 7224 …………… oder Dr. Wolfgang Menzel menzel@ph-karlsruhe.de Tel. 0174 63 76 816

Foto/Bild: Macht © by Peter Grün (Frankfurt am Main) Bild und Gedicht sind Teil der von Peter und Ernestine Grün konzipierten Ausstellung „Augenblicke der Demokratie“, die im Rahmen der geplanten Tagung „Romantik im Netzwerk der Demokratie“ (17. 09. - 20.09.2026) in der Leopoldina, Halle/Saale, gezeigt werden soll. Bitte informieren Sie sich ab dem 1. März 2026 über die Terminbestätigung auf der Homepage der ING. © Internationale Novalis-Gesellschaft Schloss Oberwiederstedt · Schäfergasse 6 · 06456 Arnstein OT Wiederstedt Telefon: 03476 - 85 27 20 Mail: kontakt@internationale-novalis-gesellschaft.de Internet: www.internationale-novalis-gesellschaft.de Postanschrift: Internationale Novalis-Gesellschaft Postfach: 110215 · 06108 Halle (Saale) Gestaltung: Peter Grün · foto@nachtgruen.de · Frankfurt am Main Realisation: Flyeralarm
